Circular Luxury

Ausgabe Q2 – 2026

Gold Communications Magazin

Nachhaltigkeit und das neue Prestige Luxus by Amira Berazek

 

Luxusmarken wie Gucci, Louis Vuitton, Prada oder Dior dominieren längst nicht mehr nur die Schaufenster, sondern prägen auch zunehmend das alltägliche Straßenbild. Neben den etablierten Kundinnen und Kunden der großen Modehäuser wächst dabei insbesondere das Interesse der jüngeren Generation. Obwohl der Wert von Luxusgütern und auch ihre Preise stetig ansteigen, verschiebt sich der Zugang.

Die Generation Z erwirbt Luxusgüter bevorzugt nicht neu, sondern greift auf den Secondhand-Markt zurück. Was früher lediglich als Alternative galt, wird heute zum Ausdruck eines neuen Verständnisses von Wert, Individualität und Nachhaltigkeit. So befindet sich Luxus in einem stetigen Umlauf, wodurch sich die Bedeutung von Besitz und Prestige wandelt.

Vom Nischenphänomen zur Milliardenbranche

In den vergangenen Jahren hat sich der Secondhand-Markt von einer Nische zu einem dynamischen Segment der Modeindustrie entwickelt. Laut der Boston Consulting Group stieg der weltweite Handel mit gebrauchter Kleidung und Accessoires innerhalb der letzten zwei Jahre auf circa 120 Milliarden US-Dollar an. Besonders hervorzuheben sind dabei Plattformen wie Vestiaire Collective, TheRealReal oder Chrono24, die den professionalisierten Wiederverkauf ehemals exklusiver Stücke für ein breiteres Publikum ermöglichen. Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um günstigere Preise und erschwinglichere Luxusgüter. Die aktuelle Konsumentenschaft verbindet mit dem Kauf gebrauchter Luxusartikel eine neue Einstellung: Nachhaltigkeit, Individualität und Authentizität werden zu neuen Statussymbolen. Der Besitz einer gebrauchten Chanel-Tasche oder einer Rolex gilt nicht als Kompromiss aufgrund finanzieller Möglichkeiten, sondern als Ausdruck von Stilbewusstsein und kulturellem Kapital. Wer Luxus Secondhand, bei Artikeln die älter als 20 Jahre alt sind, oft auch als „Vintage Fashion“ bezeichnet, erwirbt, zeigt Kennerschaft und distanziert sich zugleich von der Schnelllebigkeit klassischer Konsummuster. Zudem ist es auch eine Gegenbewegung zum aktuellen Mass Market, da viele Pieces aus früheren Kollektionen noch handgearbeitet und nicht maschinell gefertigt wurden. Zudem kamen damals oftmals hochwertigere Materialien und edlere Ressourcen zum Einsatz. So verwendete Chanel beispielsweise bis etwa 2008 noch Hardware mit 24-karätiger Goldlegierung.

Der Stil der Zukunft liegt in der Vergangenheit

Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte der deutschen Verbraucher bereits gebrauchte

Mode gekauft haben, bei der Generation Z sind es sogar rund zwei Drittel. Fast 55 Prozent dieser jungen Käufer haben laut PwC-Analyse schon einmal Luxusgüter aus zweiter Hand erworben. Die Motive reichen von ökonomischer Vernunft bis zu emotionaler Selbstverortung. Viele empfinden den Erwerb gebrauchter Luxusware als Ausdruck eines Wertewandels. Konsumenten kaufen nicht nur eine Tasche oder Uhr, sondern ein Stück Geschichte.

In einer Zeit, in der Trends durch Social Media und KI-Algorithmen gleichgeschaltet werden, wird das Seltene zum Zeichen des Eigenen. Der Resale Report 2025 von TheRealReal zeigt, dass 58 Prozent der Käufer inzwischen direkt den Sekundärmarkt bevorzugen, um ihren Stil zu definieren, so haben sie die Möglichkeit authentische und unverwechselbare Teile zu finden.

Die Erzählökonomie des zirkulierenden Luxus

Parallel wächst der ökonomische Blick auf die Mode. Klassiker wie die Hermès Birkin 30, die Rolex Datejust oder die Goyard Saint Louis Tote haben ihren Wiederverkaufswert in den letzten Jahren um bis zu 18 Prozent gesteigert. Luxusartikel werden so zur Asset-Klasse, somit stabiler als volatile Aktienmärkte. Der Kauf einer Tasche ist nicht mehr bloß ein Einkauf, sondern ein kalkulierter Schachzug mit Aussicht auf Rendite und symbolische Dividende. Wer eine Wertanlage im Sinne einer reinen Vermögensaufstellung machen möchte, ist auf dem klassischen Markt dennoch fundierter aufgehoben. Im Zuge dessen zeigen jedoch Wertgegenstände und Luxusgüter über die Zeit hinweg oftmals eine stabile bis sogar steigende Wertbeständigkeit, weshalb eine Investition in die richtigen Produkte durchaus empfehlenswert sein kann. Der Kauf von Luxusartikeln ist aber nie bloß ein wirtschaftlicher Vorgang, sondern eine psychologische Erzählung. In der Welt des Secondhand verschiebt sich diese Erzählung. Damit tritt nun anstelle von Besitz Zirkulation und anstelle von Exklusivität ein bewusster Umgang mit Geschichte. Luxus wird nicht mehr über Neuheit definiert, sondern über Herkunft und seine Erzählung. Der Wiederverkauf wird Teil des Wertesystems und das Objekt selbst zum Träger einer kollektiven Erinnerung, die sich von Käufer zu Käufer fortsetzt. Onlineplattformen für Secondhand haben den Luxusmarkt demokratisieren können. Sie senken die Eintrittshürde, schaffen Vertrauen durch Echtheitsprüfungen und bringen Käufer mit Verkäufer auf Augenhöhe. Der Luxus, der einst hinter Samtvorhängen verborgen war, zirkuliert heute in Apps und Feeds. Gleichzeitig professionalisieren die Plattformen das Segment, so ermöglicht Vinted etwa Verkäufe bis 30.000 Euro und nutzt strenge Authentifizierungsservices für Designerware.

Wie Luxusmarken den Secondhand-Kreislauf für sich nutzen

Viele Marken sehen diesen Wandel als Chance, statt als Konkurrenz und nutzen ihn zu ihrem Vorteil. Dabei entsteht ein Kreislauf aus Verkauf, Wiederverkauf und Re-inszenierung, Luxus bleibt immer in Bewegung. Für 62 Prozent der Kunden laut BCG/Vestiaire war Secondhand sogar der erste Kontakt mit einer Luxusmarke, damit ein Einstieg in eine Welt, die früher exklusiv verschlossen war. Immer mehr Marken beginnen, auf diesen Wandel zu reagieren. Gucci experimentiert mit eigenen Resale-

Projekten, Burberry hat ikonische Stücke aus seinem Archiv neu aufgelegt und Richemont übernahm mit Watchfinder eine der führenden Plattformen für gebrauchte Luxusuhren. Zudem ist zu beachten, dass viele Modekollektionen auf Archivkollektionen basieren und daraus neue Ideen für die aktuellen Trends entstehen. Was einst als Bedrohung gesehen wurde, wird nun als Chance erkannt, denn Secondhand stärkt die Markenloyalität, schafft neue Einstiegswege in die Luxuswelt und verlängert den Lebenszyklus der Produkte.

Secondhand als Nachhaltigkeitsversprechen

Zwar nennen laut PwC Verbraucher Preisersparnis als einen Grund für den Griff zu gebrauchter Mode, aber Nachhaltigkeit bleibt ein zentraler Antrieb. Secondhand reduziert durchschnittlich ein Viertel der CO₂-Emissionen pro Kauf und verlängert die Lebenszeit hochwertiger Materialien. Rimowa beispielsweise kauft gebrauchte Koffer zurück, restauriert und verkauft sie erneut. Das Narrativ der „Circular Luxury Economy“ ist heute ein essentieller Teil der Markenkommunikation, denn Nachhaltigkeit wird als neue Form von Prestige zusammengefasst.

Doch auch dieser Wandel ist nicht frei von Widersprüchen. Denn während Greenpeace und andere Organisationen den Boom als richtigen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit begrüßen, warnen sie vor Intransparenz und einem fortgesetzten Exportproblem. Tonnen unverkaufter Kleidung wandern aus Europa in den globalen Süden. Darauf reagiert die Branche mit neuen Verantwortungskonzepten wie dem Verbraucherprinzip, das Marken verpflichtet, den gesamten Lebenszyklus eines Produkts transparent zu machen.

Das Paradox des Luxus-Secondhand

Der Boom des Luxus-Secondhand ist jedoch nicht frei von Ambivalenz. Er bedient nicht nur die Sehnsucht nach Nachhaltigkeit, sondern vor allem den Wunsch nach Individualität. Auch im Secondhand Shopping begegnen wir denselben Mechanismen, die Luxus immer ausmachten, etwa Verknappung, Begehren und soziale Sichtbarkeit.

Die WELT-Autorin Maria-Antonia Gerstmeyer fasste bereits zusammen, dass Vintage längst nicht mehr nur eine moralische Alternative sei, sondern eine neue Form von Chic, quasi ein Symbol für Stilbewusstsein, das sich als verantwortungsvoll inszenieren lässt. Zugleich aber befeuern soziale Medien das Begehren, das diese Ethik eigentlich zu zähmen versucht. Professor Thomas Hensel beschreibt das Phänomen als Paradox. Luxus und Secondhand gehen Hand in Hand, weil dieselben Mechanismen wie Exklusivität, Begehrlichkeit und kulturelles Kapital in beiden Systemen wirken. So wird aus dem einstigen Flohmarkt ein Spiegel unserer Zeit, eine Bühne, auf der Ökonomie, Ethik und Ästhetik zusammentreffen. Secondhand Plattformen sind die neuen Handelszentren des Begehrens: Digital, transparent, global.

Luxus bleibt, was es immer war, ein Versprechen. Nur sein Weg hat sich verändert.

Weitere Einblicke in internationale Fashion-Events, Designer-Interviews und besondere Luxus-Inszenierungen finden Sie in unseren weiteren Artikeln.


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